The English way of letting things go


oder

Drei Mädels unterwegs im Süden Englands


 Bin mal kurz weg 


Gerade jetzt wegzufliegen, ist für mich persönlich wohl der beste und auch schwierigste Zeitpunkt. Würde mir hier jemand glauben, wenn ich sage, dass ich schon Wochen oder Monate zuvor gespürt habe, dass es mir kurz vor Abflug so gehen wird? Womöglich nicht. Also erwähne ich es gar nicht. 

Als ich das erste Mal meine persönlichen Gedanken hier so veröffentlicht habe, bekam ich so viel positives Feedback und das hat mir Vertrauen geschenkt, dass ich weitermachen soll. Manche haben mir sogar gesagt, dass sie nur solche Texte von mir lesen möchten. Gleichzeitig fällt es mir hier schon wieder schwer, meine tiefsten Gedanken aufzuschreiben. Krass, oder? 

Ich glaube, dieses Mal stelle ich mich mal nicht komplett nackt in ein Schaufenster. Jetzt bekommt ihr nur die zensierte Version. Vielleicht kommt die andere später. :)

Diesen Sommer, als ich in Bayern war, hatte ich so ein Gefühl, dass es das letzte Mal sein wird, dass ich alleine für ein paar Tage wohin reisen werde. Jetzt bin ich mit zwei Mädels unterwegs. Wir sitzen verstreut im Flugzeug, aber das stört mich nicht. 

Die Kopfhörer in meinen Ohren helfen mir, die Außenwelt abzuschirmen und dann gibt es nur mehr meine innere Welt und ich lasse mich von der Musik in meinen Ohren treiben. Auch Social Media kann mich aufgrund des Flugmodus nicht ablenken. Heute steht mal nicht Michael Patrick Kelly an vorderster Stelle. Eine Freundin hat eine Playlist von Coldplay zusammengestellt und mir geschickt. Diese höre ich während des Fluges rauf und runter. Die Musik bringt mich dazu, dass meine Finger über die Handytastatur gleiten und ich in meinen Notizen kurz einen Text verfasse. Durch die kleine Fensterluke des Flugzeugs erspähe ich folgendes Bild, das mir zu den passenden Worten verhilft…

 

 Flieg, Baby - flieg! 

Man hört ein Lied, die Außenwelt ist kurz mal offline. Du lässt dich von der Musik treiben. Es fühlt sich an, als würdest du fliegen. Freiheit. Frei wie ein Vogel. Davon träumen wir doch. Aber was bedeutet Freiheit genau?

Die Freiheit kann man durch alle Augen unterschiedlich betrachten. Für mich bedeutet Freiheit, seine eigenen Entscheidungen zu treffen. Man kann Freiheit auch tief im Inneren fühlen. Bei mir kribbelt es dann und es fühlt sich wie das Verliebtsein an, als hätte man Schmetterlinge im Bauch. Man hebt gedanklich ab und das Dopamin steigt mit in die Höhe. 

Freiheit bekommt man, indem man durchs Leben tanzt und nicht auf die Meinungen anderer hört und auf die Blicke anderer achtet. Es ist dein Leben. Du lebst dieses Leben nur einmal. Und du bist aus einem bestimmten Grund gekommen. Mit deinem Licht darfst du die Erde heller machen. Vertraue auf dich. Du bist genau richtig.

Loslassen

Was bedeutet Loslassen eigentlich? Wenn man loslassen sollte, dann hält man doch an etwas fest. Ich betrachte meine Hände von innen und außen. Meine Finger sind weit gespreizt. Definitiv halte ich nichts Materielles fest, sonst würde ich das sehen. Ich spüre aber eine gewisse Anspannung. Der Körper zieht sich zusammen und ich fühle es innen drinnen, dass ich an etwas festhalte. Mein Gebiss ist oft angespannt. Es ist, als würde ich meine ganze Energie dafür verschwenden.

Es kann sein, dass man etwas gar nicht mehr braucht. Was vielleicht noch vor einiger Zeit von großem Nutzen war und was dich im Leben weitergebracht hat, brauchst du nun nicht mehr. Es hat seinen Dienst geleistet und darf wieder gehen. Das können Dinge oder sogar Menschen sein. Im letzteren Fall tut man sich besonders schwer, loszulassen. Beispielsweise geliebte Menschen gehen zu lassen, weil sie einem nicht mehr guttun.  

Ich gebe hier keine Ratschläge, wie man am besten etwas loslässt. Denn ich selbst habe noch nicht die richtige Behandlung dafür gefunden. Was es aber meiner Meinung nach braucht, ist Zeit. Und zwar die Zeit, die du brauchst. Jeder Mensch geht damit anders um und kann etwas schneller oder weniger schnell abschließen. In der Geschwindigkeit wie du es machst, ist es richtig für dich. Du tust alles nur für dich. 

Jeder hat in der einen oder anderen Lebenslage damit umzugehen, irgendetwas loszulassen – sei es eine Beziehung, die Arbeitsstelle, das alte Auto, die enge Jeans in die man sowieso nie wieder passt – was auch immer. Tatsache ist und ich spreche hier von persönlicher Erfahrung: Erst wenn du richtig loslassen kannst, hast du Platz für neues. Diesen Satz kenne ich schon lange, konnte ihn aber lange Zeit nicht umsetzen. Doch alles braucht seine Zeit und alles kommt zu deiner richtigen Zeit. Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich eine andere. 

 

Immer wieder Bayern

Sorry, not sorry für diese Überschrift. Bayern ist immer in meinem Leben verankert, und das nicht nur, weil ich direkt an der Grenze lebe. 

 

Bevor wir im Flugzeug landen, müssen wir erst einmal zum Flughafen kommen. Es geht nach München – oder wie die Bayern sagen »Minga« – mit der Deutschen Bahn. Haha, ja da ist Verspätung vorprogrammiert. Diese haben wir natürlich schon mit eingeplant, und ich kann euch sagen, dass wir keine Verspätung haben. Wow, der Satz kam jetzt unerwartet, oder?

Doch was wäre die Deutsche Bahn, wenn alles gewöhnlich verlaufen würde? ;) Es gibt einen Schienenersatzverkehr und wir bewegen uns die meiste Zeit mit einem Bus. 

In Landshut müssen wir umsteigen. Da kommt man in der niederbayrischen Hauptstadt an und wird gleich einmal am Bahnhof mit nackten Waden und Lederhosen begrüßt – love it. Es gibt doch nichts Authentischeres als diesen Anblick. :)

 

 

Bilder im Kopf

Kurz vor Anflug des englischen Flughafens Heathrow erstreckt sich ein atemberaubendes Lichtermeer Londons. Viele Leute im Flieger zücken die Handykameras, um diesen Blick festhalten zu können. Auch meine Sitznachbarin knipst neben ihrem Freund fleißig Fotos. Etwas beleidigt schaut sie in meine Richtung. »Wenn man ein Foto macht, sieht es gar nicht mehr so schön aus.«

An dieser Stelle muss ich zugeben, wenn ich am Fenster anstatt am Gang sitzen würde, hätte ich genauso ein Foto gemacht. Ich fotografiere gerne. Diejenigen, die von meinen Storys bombardiert werden, wenn ich mal wieder weg bin, wissen das sicher. Sorry by the way. :)

Doch dann kommt mir sofort ein Gedanke in meinen Kopf, den ich schon länger in mir trage. Denke mal an einen Moment zurück, der für dich sehr schön war. Vielleicht warst du auf dem Gipfel eines Berges, an einem Konzert von einer deiner Lieblingsinterpreten oder hast Zeit mit deinem Kind verbracht. Frage dich selbst: Wie viel Zeit hast du währenddessen mit dem Fotografieren investiert? Hast du wirklich den Moment so richtig genießen können?

 

Es kann sein, dass du zu denjenigen gehörst, die dann keine Fotos machen und kein Smartphone in der Hand halten. Womöglich aber gehörst du zu meiner Sorte, die alles am Handy festhalten möchte. Da wären wir jetzt wieder beim Thema Loslassen. :)

In letzter Zeit habe ich angefangen, weniger Fotos zu machen, sondern mehr den Moment zu genießen. In uns steckt eine unglaubliche Kraft. Diese Kraft kannst du auch Wunder nennen. Denn in unserem Kopf können wir Erinnerungen wieder hervorrufen. Wir sehen sie in uns. Nicht nur, dass wir Bilder vor Augen halten können. Wir können zu dem Bild auch etwas hören, fühlen, spüren und vielleicht auch schmecken. Denke beispielsweise an einen leckeren Apfelstrudel, frischgebacken von deiner Oma. Du siehst ihn vor dir, der Duft  von Zimt steigt dir in die Nase. Du beißt hinein und kannst den Geschmack wahrnehmen und du kannst es so deutlich spüren, als würdest du wirklich hineinbeißen. Auf deiner Zunge und zwischen deinen Zähne fühlst du die Äpfel und den Strudelteig. Und was hörst du? Es kann die Stimme deiner Oma sein, die sagt, du sollst mehr essen. Oder du nimmst nur ein »Mmh« wahr, weil es so lecker schmeckt. Merkst du, wie du solche Erlebnisse und Momente abgespeichert hast? Du kannst das mit jedem Erlebten ausprobieren. Wahnsinn, oder?

Theoretisch brauchen wir keine Fotos zu schießen. Jeder Moment ist in uns abgespeichert. Das beweist nur, wie einzigartig wir sind. Du bist einzigartig.  

»Behalte diesen Augenblick in deinen Erinnerungen«, gebe ich meiner Sitznachbarin als Antwort und sie lächelt. 

Auf die Zehenspitzen und lächeln 

Wenn man auf Instagram unterwegs ist, fallen einem sicher die momentanen angesagten Posen auf. Die besagten Influencer geben sie vor und alle anderen wollen sie nachmachen. Ich habe mich von Kathi beraten lassen, wie man so wie die jungen Mädels – da kommt man sich ja völlig alt vor – vor der Kamera steht. Ein Bein ist nach vorne gestreckt, ganz leicht auf den Zehenspitzen soll man stehen. Verrückt. Wenn ich so dastehe, komme ich mir wie ein Roboter oder eine Statue vor. Das fühlt sich für mich nicht natürlich an. Kathi macht das automatisch, als wäre sie noch nie anders vor der Kamera gestanden. Und es sieht gut und natürlich bei ihr aus. 

Ich beschließe, nicht mit dem Trend zu gehen. Etwas, was mir sehr wichtig ist, ist Authentisch sein. Das würde bei mir nicht damit übereinstimmen. 

»Da fühle ich mich wie ein Besen, angelehnt an der Tür«, meine ich zu Kathi und lache. 

 

Aber was bedeutet authentisch sein? Für mich ist es wichtig, so zu sein wie man ist. Das ist oft nicht leicht. Vielleicht weiß man auch in manchen Situationen gar nicht, wer man wirklich ist. Es kann auch sein, dass man in einem Moment so handelt, wie jemand anderes gehandelt hätte. 

Wenn du dich so gibst, wie du bist, bist du genau richtig. Du brauchst dich für keinen verstellen. Denn wenn dich jemand nicht so annimmt, wie du wirklich bist, dann gehört er oder sie auch nicht in dein Leben. Für mich persönlich ist das ein wichtiger Satz. Sicher gibt es gewisse Rollen, die man im Leben einnimmt. Privat verhalte ich mich auch anders, als in meinem Beruf. Das ist auch gut so. Jedoch sollte man sich nie verstellen und etwas vorgeben, was man gar nicht ist. Und ich sage es dir immer wieder: Du bist einzigartig und du bist genau richtig. 

 

Der englische Baumarkt

Wenn du meine Insta-Story von England verfolgt hast, hast du dich dann gefragt, wie wir uns fortbewegt haben? Solche Roadtrips gehen doch sehr gut mit einem Auto – noch besser wäre natürlich ein Wohnmobil, doch damit würde ich nicht fahren, Kathi noch weniger und Christine schon gar nicht, haha. :)

Vor Abreise hatten wir natürlich ein Auto im Kopf. Gemietet hatten wir noch keins. Das wollten wir vor Ort anstellen. Ich denke mal, dir ist bewusst, auf welcher Seite die Engländer fahren. Das überfordert einem schon im Voraus. 

Vorerst geht es vom Flughafen Richtung Süden mit dem Bus. Es ist eine sehr angenehme Reise, da es draußen regnet und wir es drinnen gemütlich haben – bis auf die Bustoilette mit der aber nur eine von uns Bekanntschaft gemacht hat – reden wir lieber nicht darüber. :)

Noch am selben Tag wollen wir uns in Bournemouth ein Auto mieten. Von der Busstation geht es zu einem Gebäude einer bekannten Autovermietung. Das Navi führt uns dorthin, aber vor Ort müssen wir feststellen, dass diese dort nicht existiert. 

Kurzerhand beschließen wir, eine andere Autovermietung in der Nähe zu finden. Eine Uber soll uns dorthin bringen. Es ist Samstag und auf den Straßen ist viel los. Wir alle grübeln während der Fahrt, wie wir drei nur mit diesem Auto auf der linken Seite fahren können. Natürlich liegt es auf der Hand, dass ich die Erste sein werde, die uns aus dieser Stadt herausbringen soll. Dass Bournemouth so groß ist, haben wir vorher nicht bedacht. 

Der Uber-Fahrer fährt in eine Parkgarage hinunter und hält am Eingang eines Geschäfts an. Das Gebäude sieht größer aus und angeblich sollen da mehrere Shops sowie die besagte Autovermietung zu finden sein. 

Mit unseren Koffern geht’s hinaus und hinein in einen Baumarkt. Drinnen angekommen, kommt uns auch schon das Grübeln. Wo sollen wir bitte hier eine Autovermietung finden? Mhm. Kann das stimmen? 

Wir fahren mit einem Rollband einen Stock hinauf, unsere Koffer natürlich mit im Schlepptau. Dieser Anblick scheint manche Briten zu amüsieren. Sieht man immerhin auch nicht jeden Tag. Wir Drei nehmen es gelassen und lachen ebenfalls. Nein, hier drinnen kann keine Autovermietung sein. 

Wieder unten angekommen, fragen wir sogar die Verkäufer, die uns höflich weiterhelfen. Sie wissen ebenfalls nichts von einer Autovermietung in der Nähe. Geil, oder? 

Also ging es mit einer weiteren Uber zu noch einer anderen Firma, die Autos vermietet. Während wir auf die Uber zwanzig Minuten warten müssen, essen wir mal die Zimtschnecken, die wir uns vorher noch gekauft haben. Lecker. Zucker hilft für die Nerven. 

Es war schon fast 16 Uhr an diesem Samstag. Wir sitzen keine zwei Minuten im Auto, als Kathi ein Gedanke kommt. »Wie lange haben die heute überhaupt geöffnet?« Sie schaut kurz nach…bis 12 Uhr. 

In diesem Moment ist es mal kurz still. Wir sind gefühlt quer durch Bournemouth gefahren und wir müssen heute noch nach Weymouth kommen, wo wir unsere Übernachtung gebucht haben. Gerade haben wir keinen Schimmer, wie wir heute noch dorthin kommen sollen. Ebenso wollen wir uns mit Sarah treffen. Die rettende Lösung ist dann der Zug nach Weymouth. Der Uber-Fahrer bringt uns dorthin, wo wir heute schon einmal waren: An unserem Startpunkt, der Bahnhof. Und dort geht es dann mit dem Zug nach Weymouth, wo uns Sarah mit ihrem Auto am Bahnhof erwartet. Danke, Sarah. Du wirst diesen Text nicht lesen können, aber danke für alles. ❤

 

Nur Zugfoahn und essn

Die weiteren Tage schieben wir immer und immer wieder das Thema Autofahren vor uns her. Irgendwie geht es auch ganz praktisch mit dem Zug voran. Die Züge sind nicht so überfüllt wie bei uns – jeder von uns hat sogar fast immer einen Zweiersitz für sich alleine. Verspätungen gibt es in England auch oft, aber das stört uns weniger. Zugfahren ist stressfrei für uns und erst als wir beschließen, das Thema Autofahren ganz zu lassen, geht es uns allen besser und wir fühlen uns gut. 

Da kommt mir doch ein Gedanke. Wir alle müssen im Leben ständig Entscheidungen treffen. Manchmal schieben wir solche Entscheidungen auch auf, obwohl wir tief im Inneren schon längst wissen, was gut und richtig für uns ist. Aber warum können wir dann nicht gleich Entscheidungen treffen?

Es ist oft schwierig, auf seine innere Stimme hören zu können. Nenne diese Stimme wie du willst: Intuition, Bauchgefühl – was auch immer. Jeder trägt diese Stimme in sich. Wir haben nur verlernt, auf sie zu hören. Diese Stimme führt uns immer auf den Weg, der für uns richtig ist. Und wenn wir dann eine Entscheidung getroffen haben, fühlen wir sofort, ob es die richtige war. Wow! Ich finde das ehrlich gesagt echt magisch. Wir können uns also immer darauf verlassen – also kurz gesagt: Du darfst dir selbst vertrauen. 

 

Bei uns geht es also an der Küste Südenglands entlang mit dem Zug. Ab und an sind wir auch mit dem Bus unterwegs und wir genießen diese Zeit. 

 

»Wir sind nur am Zugfahren und essen«, bemerkt Kathi nach ein paar Tagen. Christine und ich müssen feststellen, dass das echt wahr ist. Wir sitzen gefühlt nur im Zug und denken nach jedem Essen wieder daran, wo und was wir als nächstes essen könnten, haha. Aber wie ihr sehen könnt, haben wir auch schöne Orte erkundet. 

Thema Essen in England: In London schmeckt es definitiv besser und gesünder als in Südengland. Wobei wir ein paar Lokale im Süden ebenfalls empfehlen können. :) 

 

  

So gerne ich unterwegs bin und neue Länder erkunde, so sehr freue ich mich wieder auf mein Zuhause. Im Grunde ist die Heimat dort, wo dein Herz ist. Und ich weiß, wo es verankert ist. ❤

Thx Girls ❤