Khiaali
Ich und die Unendlichkeit
Band 1
Christina M. Goldberger
Die Welt steht still. Alle blicken dem Ende entgegen. Es wird ganz schnell gehen. Bald ist es vorbei. Es wird nicht wehtun. Ganz bestimmt. Hoffnung ist das Letzte, das in die finstere Nacht gehaucht wird.
Zoe glaubt nicht an Wunder, nicht nachdem sie ihre Eltern verloren hat. Ein neuer Planet befindet sich im Sonnensystem, erdähnlich und dennoch bedrohlich. Von Sekunde zu Sekunde kommt er der Erde näher und scheint mit ihr zu kollidieren.
Aber beginnt eine Geschichte wirklich mit dem Ende oder wartet für Zoe auf dem fremden Planeten Khiaali das Abenteuer ihres Lebens?
»Unglaubliches Kopfkino! Danke für die neue Welt, die ich in den Kopf gepflanzt bekommen habe. Ich sehe, rieche und fühle sie – ich will dorthin!« R. Kurz
Khiaali Band 1 - Ich und die Unendlichkeit
Erscheinungsdatum: 23.Oktober 2023
Genre: Fantasy
Seiten: 403
Altersempfehlung: ab 16 Jahren
auch als Ebook erhältlich
Warum gibt es Khiaali Kids?
Was unterscheidet Khiaali von Khiaali Kids?
Eigentlich schreibe ich Bücher für Erwachsene bzw. junge Erwachsene. Eigentlich. Als meine Schülerinnen und Schüler auf Khiaali aufmerksam wurden, wollten sie es unbedingt lesen. Sie kannten die ersten Kapitel und wollten mehr von der Geschichte des fremden Planeten erfahren. Dass die Protagonisten Zoe schon über zwanzig Jahre alt ist, konnten sie nicht recht glauben. Wenn man noch nicht einmal im Teenageralter ist, kommt einem eine Mitte Zwanzigjährige doch schon etwas älter vor und man findet keinen Bezug zu dieser Figur. :)
Daher wurden in Khiaali Kids ein paar Kapitel/Absätze verändert und in altersgerechter und jugendfreier Sprache formuliert. Der Ablauf der Geschichte ist unverändert.
Khiaali Kids entstand für meine Schülerinnen und Schüler und für alle anderen Kids, die gerne Abenteuer auf einem fremden Planeten erleben wollen.
Die Geschichte ist in keiner einfachen Sprache geschrieben, daher würde ich es erst ab 12 Jahren empfehlen.
Khiaali Kids Band 1 - Ich und die Unendlichkeit
Erscheinungsdatum: 23.Oktober 2023
Genre: Fantasy
Seiten: 389
Altersempfehlung: ab 12 Jahren
auch als Ebook erhältlich
Leseprobe
© 2023 Christina M. Goldberger
Herausgeberin: Christina M. Goldberger
Druck und Vertrieb im Auftrag von Christina M. Goldberger: Buchschmiede von Dataform Media GmbH, Wien
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und der Autorin Christina M. Goldberger unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Eins
∞
Der Himmel scheint wie leergefegt. Kein Mond und keine Sterne sind in Sicht und doch ist es hoch oben so klar wie noch nie. Fast schon zu klar. Um mich herum ist es still. Unheimlich still. Nur der Wind, der sich leise um mich tastet, ist zu spüren. Es ist nicht kalt und auch nicht heiß. Eine warme, ungewöhnliche Brise huscht durch meine Haare. Eine trockene, drückende Wärme. Nicht zu heiß, aber dennoch für meine Haut auf eine seltsame Art und Weise unerträglich.
Langsam atme ich durch meine Nase ein und rieche – nichts. Einfach nichts. Es ist diese unartige Trockenheit, die mich einfängt und in meiner Nase steckenbleibt. An normalen Tagen nehme ich den wundervollen, klaren Duft des Sees auf, rieche das moosgrüne Gras vor unserem Haus und sauge die wohlige, natürliche Wärme der immer scheinenden Sonne auf.
Seit Wochen hat sich die Welt und ihre Mutter Natur verändert. Seltsam verändert. So, als würde uns etwas Großes erwarten, und das wird es auch. Wir wissen alle, was uns bevorsteht.
Als ich klein war, saß ich oft am Abend hier und beobachtete die abertausenden Sterne. Es hat mich schon immer fasziniert und begeistert, was alles in dem unentdeckten Universum versteckt ist. Schon mit fünf Jahren schenkte mir mein Dad ein Teleskop und wir blickten gemeinsam in den Nachthimmel. Mein Vater studierte Astronomie und es machte ihn glücklich, mich auch so dafür begeistern zu können.
Neben mir steht meine kleine Schwester – ängstlich, zitternd und mit Tränen in den Augen. Ich halte ihre Hand und tröste sie. Ich muss stark bleiben.
Für sie.
Der Himmel wird dunkler. Es sieht so aus, als ob sich ein großer Schatten über die ganze Welt werfen würde. Ein eiskalter Schauer fährt mir den Rücken hinunter, aber ich habe keine Angst.
Schon seit Jahren machen wir Menschen uns auf diesen Tag gefasst. Wir haben gewusst, dass dieser Zeitpunkt kommen wird, doch es gab trotz dieser Aussichtslosigkeit stets Hoffnung. Ein winzig kleiner Hoffnungsschimmer war immer zu spüren.
Dieser eine und letzte Augenblick wird kurz und schmerzlos werden, wie ein Wimpernschlag, den man kaum wahrnehmen wird.
Schwach habe ich meine Augen geöffnet und blicke in den Horizont. Meine kleine Schwester fasst mich fester an meiner Hand. Ich würde sie am liebsten ganz fest drücken, aber dann könnte ich die Tränen nicht mehr in meinen Augen zurückhalten. Hinter uns stehen unser Onkel, unsere Tante und Großeltern und um uns herum unsere Nachbarn – ja, die ganze Stadt ist hier. Keiner wagt ein Wort zu sagen. Ab und zu ist ein leises Schluchzen zu hören. Alle, so scheint es, sind sich dessen bewusst, welches Schicksal uns bevorsteht. Die ganze Stadt ist hier und alle sehen dem Ende entgegen.
Bilder meiner Mutter tauchen in meinem Kopf auf. Wir sitzen beide auf einer Schaukel, die an den starken Ästen unseres Kastanienbaums angebracht ist. Meine Mom hat mir immer gelehrt, dass man zuerst auf andere Acht geben und erst dann sich um sich selbst kümmern soll. »Die Menschheit ist egoistisch geworden«, sagte sie oft, »und du musst immer auf deine kleine Schwester aufpassen und sie beschützen.«
Damals war Emma noch nicht auf der Welt. Sie befand sich noch im Bauch meiner Mom. Ich würde alles für meine Schwester tun, und könnte ich eine Person aus dieser Situation retten, wäre sie die einzige, die überleben würde. Dafür würde ich alles geben.
Ich kann meiner Schwester nicht mehr in die Augen sehen – diese kleinen, unschuldigen Kinderaugen, die sie bald für immer schließen wird. Sie weiß, dass wir alle sterben werden. Aber was kann ein Kind mit seinen sieben Jahren schon denken? Ich weiß es nicht. Kinder sind schlau, aber nicht einmal ich kann mir vorstellen, dass kein einziger der Abermillionen Menschen überleben wird. Es ist unvorstellbar und ich glaube, dass auch Emma nicht genau weiß, was alles passieren wird. Aber wer weiß das schon?
Natürlich denke ich, dass sie spürt, was ich fühle. Ich sehe es, wenn sie mir tief in die Augen blickt und manchmal bilde ich mir auch ein, dass sie mich versteht und mir mit ihrem Blick Mut zusprechen will, aber den Mut habe ich längst weggeschoben. Was mache ich mit Mut, wenn die Welt samt all den Lebewesen hier zerstört wird?
In nur wenigen Minuten werden wir mit der gesamten Erde wie kleine Ameisen zerquetscht werden.
Ein fremder Planet ist urplötzlich in unserer Galaxie aufgetaucht und bewegt sich seitdem auf unsere Erde zu. Laut unseren Wissenschaftlern hat er fast die zweifache Größe unseres Heimatplaneten. Sobald er mit uns in Berührung kommt, wird er uns zerstören und dies wird in wenigen Minuten geschehen.
Unsere Forscher haben auch herausgefunden, dass dieser Planet unserer Erde sehr ähnelt. Er besteht ungefähr zu fünfundsiebzig Prozent aus Wasser. Laut den Wissenschaftlern wäre dort Leben möglich, wenn dieser Planet uns nicht völlig ausrotten würde.
Ich weiß auch nicht, aber irgendwie bin ich mir unseres Schicksals noch nicht ganz bewusst. Im Moment fühle ich nichts. Mein inneres Gefühl kann sich nicht darauf einstellen, dass wir alle bald tot sein werden. Außerdem ist meine Vorstellungskraft nicht so weit ausgeprägt, dass ich mir den Untergang der Welt ausmalen könnte. Ich habe dennoch keine Hoffnung, dass uns irgendetwas vor unserem Schicksal bewahrt. Da bin ich aber wohl in der Minderheit. Fast alle glauben oder hoffen zumindest auf ein Wunder. Ja, die Menschheit hat den Optimismus für gewisse Situationen, auch wenn sie noch so ausweglos erscheinen.
Wenn Dad das sehen könnte. Er würde uns bestimmt gut zureden und behaupten, dass wir nicht sterben werden. Oder womöglich hat er auch schon seine eigene Theorie aufgestellt und weiß, was zu tun ist, um uns davor zu bewahren.
Warum ist er nicht hier?
Nicht nur, um meine Schwester und mich zu trösten, sondern um einfach da zu sein. Schon alleine seine Anwesenheit würde uns allen so viel Kraft geben. Gerade jetzt wünsche ich mir einfach jemanden, der mich in den Arm nimmt und sagt, dass alles gut wird. Jemand, der für mich da ist und mir Hoffnung schenkt. Ich brauche einen Menschen, der mir Mut zuspricht und mir unter die Arme greift. Hin und wieder habe ich das Gefühl, dass ich keine Luft mehr bekomme und in meinen ganzen Sorgen ersticke. In solchen Momenten ist mein treuer Freund Will an meiner Seite, der mit mir durch Himmel und Hölle gegangen ist und mir immer einen möglichen Weg gezeigt hat, den er gemeinsam mit mir gegangen ist. Er ist wie mein Seelenverwandter, meine zweite innere Stimme. Will gibt mir das Gefühl, leben zu können und endlich wieder einmal die Kraft zu haben, durchzuatmen. Wenn ich mit jemandem über alles reden kann, dann ist er es, der auf meiner Top-Eins-Liste steht. Diese tiefe und innige Freundschaft ist für mich kaum in Worte zu fassen. Meine Seele flattert und würde am liebsten aus meiner Brust springen und zu seiner Seele einfach »Hallo« sagen wollen, wenn ich ihm begegne. Ich glaube, dass wir nicht das erste Mal zusammengekommen sind. Wir haben schon einige Leben gemeinsam auf dieser Welt verbracht und sind womöglich in viele beschissene Situationen geraten. Doch egal was es war, es konnte uns nichts und niemand trennen. Zwischen uns besteht ein unsichtbares Band, das uns für immer verbindet. Er ist der Mensch, dem ich alles anvertrauen kann und bei dem meine Seele, mein Herz und meine Gedanken Ruhe finden können.
Nur ist er gerade nicht da. Alleine bei diesem Gedanken muss ich meine Tränen hinunterschlucken. Ich weiß nicht, warum er nicht bei mir ist. Er lässt mich nie alleine – nie! Genau an diesem Tag bevorzugt er es, in der Arbeit zu sein. Anscheinend sei es wichtig! Was bitte ist noch von Bedeutung, wenn wir den Tag sowieso nicht überleben werden?
Ich. Muss. Stark. Bleiben.
Emma und ich wohnen bei unserer Tante Claire, unserem Onkel Cooper und unseren Großeltern. Sie besitzen eine große Pferderanch mit über fünfzig Pferden und zehn Angestellten, einschließlich mir. Es herrscht rund um das Jahr Hochbetrieb. Ich glaube, dass kein einziger Tag vergeht, an dem man sagen kann, dass nicht viel los gewesen sei. In dieser Hinsicht hat es auch wieder etwas Gutes, weil ich dabei abgelenkt werde.
Hauptsächlich bringe ich kleinen Kindern das Reiten bei. Manchmal trainiere ich auch Erwachsene im Spring- und Dressurreiten. Aber auch nur dann, wenn jemand anderes ausfällt oder jemand unbedingt mit mir trainieren möchte. Ich bin auf dem Hof aufgewachsen. Alles, was mit Pferden zu tun hat, liebe ich. Meine Mutter behauptete, dass ich früher reiten als laufen konnte. Sogar mein erstes Wort war »Pferd«, nur funktionierte das mit der Aussprache noch nicht so gut und ich sagte »Ferd«.
Diese wundervollen und eleganten Tiere sind für mich immer an erster Stelle und jetzt steht mein liebstes und einzigartiges Pferd hinter mir auf dem Hof in seiner Box und kann vielleicht sogar den Untergang unserer Welt spüren. Seit vier Jahren sind Ronny und ich ein unschlagbares Team. Oft bilde ich mir auch ein, dass er genau weiß, wie ich mich fühle. Dieses Pferd ist mein Ein und Alles – mein bester tierischer Freund – und ich vertraue ihm blind.
Außerdem ist da noch Tom.
Tom, der charmante und liebevollste Kerl, den ich kenne. Wir sind gute Freunde geworden. Manchmal denke ich, dass daraus vielleicht mehr geworden wäre. Er arbeitet am Hof und kümmert sich um die Pferde. Wir sehen uns quasi jeden Tag und verbringen oft Stunden miteinander. Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, traue ich mir zu sagen, dass wir sehr gute Freunde sind. Ich habe nicht viele Freunde. Aber mit Tom verstehe ich mich wahnsinnig gut. Wir teilen ein gemeinsames Hobby und wir reiten oft aus, wenn dafür die nötige Zeit bleibt. Doch ich denke, dass wir nur als gute Freunde geboren sind.
Eigentlich brauche ich nicht mehr darüber nachzudenken. In wenigen Minuten werden wir tot sein und da ist es im Grunde egal, was jemand einmal über den anderen gedacht oder gefühlt hat.
Von weitem sehe ich ihn. Er steht schräg vor mir bei seiner Familie und blickt hoch in den Himmel. Tom wirkt nervös, aber das sind wir alle. Jeder hier hat Angst, auch wenn bei mir dieses Gefühl noch nicht so weit fortgeschritten ist. Eine innere Stimme will es einfach nicht glauben.
Heute haben Tom und ich nicht so viel miteinander geredet und im Moment denke ich mir, dass ein letztes Gespräch noch wichtig ist. Immerhin sehe ich ihn nie wieder. Ich verspüre den Drang, mich wenigstens von ihm zu verabschieden.
Ja, ich muss mich bei ihm verabschieden. Während ich ihn so anstarre, dreht sich Tom in meine Richtung, so als hätte er meine Gedanken gelesen. Unsere Blicke streifen sich.
Ich kann nicht wegsehen, auch wenn es noch so peinlich aussehen mag. Schnell versuche ich, ein Lächeln in mein Gesicht zu zaubern. Ich fasse Emma fester an meiner Hand und führe sie in Toms Richtung. Auch er geht mir entgegen. Wir beide haben wohl den gleichen Gedanken. Bevor ich auch noch etwas sagen kann, fällt er mir in die Arme und drückt mich so fest, dass ich meine Tränen konzentriert unterdrücken muss und ich schlucke gefasst einen Kloß hinunter, der sich in meinem Hals gebildet hat. Ich schließe ihn in die Umarmung ein und dabei wünsche ich mir, dass dieser Augenblick für immer anhält. Bei seiner Berührung bleibt mir fast der Atem weg, oder vergesse ich zu atmen? Keine Ahnung. Dieser Moment ist für mich wie eine lange andauernde Zeitschleife, doch als er mich wieder loslässt, kommt es mir dennoch viel zu kurz vor. Meine Augen blinzeln und ich bin den Tränen nahe.
Unter normalen Umständen bin ich nicht so. Ich würde mich als eine starke, junge Frau bezeichnen, aber jetzt ist alles komisch und wir müssen uns alle voneinander verabschieden. Es ist so unvorstellbar. Mein Gehirn kann unser Schicksal nicht verarbeiten.
Tom schließt auch Emma in seine Arme. Meine Schwester ist ein schweigsames, schüchternes Kind. Sie spricht nicht mit jedem. Manchmal muss auch ich sie zum Sprechen animieren. Aber Tom vertraut sie. Die zwei sind ein Herz und eine Seele geworden, und wenn ich die beiden so stehen sehe, könnte ich schon wieder heulen. Tom nimmt meine Schwester hoch und zieht mich zu ihnen. Wir drei stehen da, in einer innigen Umarmung. Ja, jetzt dürfte dieser Augenblick für die Ewigkeit sein. Nichts wäre schöner, als für immer hier zu stehen.
Während der Umarmung tippt mich Emma an meiner Schulter und flüstert mir etwas ins Ohr. »Zoe, ich lasse dich ganz kurz allein mit Tom. Ich weiß, dass du dich von ihm verabschieden willst.« Verdattert blicke ich sie an. Ihre kleinen Kinderaugen strahlen, trotz dieser Situation.
»Ich bin klein, aber ich kann alleine zurückgehen.« Emma zwingt sich ein Lächeln ins Gesicht. »Aber dann musst du gleich wieder bei mir sein.« Meine kleine Schwester drückt mir einen Kuss auf meine Wange, löst sich von Tom, gleitet auf den Boden zurück, nickt mir ermutigend zu und läuft zu unserem Onkel.
Tom versucht zu lächeln. Ich mag sein Lachen. Es ist so voller Liebe und Ehrlichkeit. Wunderschön und vertraut. Das werde ich vermissen.
»Zoe, ich…«, fängt Tom an, aber ihm scheinen die Worte zu fehlen.
»Du musst nichts sagen, Tom. Es ist alles okay. Wir werden nichts spüren.«
»Wie kannst du bei unserem grauenhaften Schicksal noch so positiv denken?«
»Hast du schon mal darüber nachgedacht, wie schlimm es wäre, wenn wir irgendwo schwerverletzt liegen würden? Sei es ein Autounfall und niemand würde uns finden oder ein Sturz von den Klippen und wir müssten qualvoll auf den Tod warten. Solche Todesarten wären schlimmer als das hier. Ich bin mir sicher, dass wir nichts spüren werden. Das geht so schnell, da sind wir vorher tot, bevor die Welt explodiert.«
»Ich habe deinen Optimismus schon immer bewundert, ebenso deine Stärke, den wahnsinnigen Mut, den du in dir trägst«, meint Tom. »Du bist ein atemberaubendes Mädchen und ich bin überglücklich, dich kennengelernt zu haben.« Tom fasst mich an meinen beiden Händen. Er strahlt mit seinen Augen und sein Lächeln scheint ehrlich zu sein, obwohl eigentlich keinem zum Lachen zumute sein sollte. Auch ich versuche meine Mundwinkel nach oben zu ziehen. Mir ist zwar nicht nach einem fröhlichen Gesicht zumute, aber wenn ich an Tom und an die wunderbare Zeit mit ihm denke, fällt es mir leichter.
Abermals umarmt er mich und bevor wir uns lösen, streifen sich unsere Blicke erneut. Es ist wie in einem Sekundenrausch. Tom starrt mich an, ich starre ihn an. Wir sind wie ferngesteuert und ohne noch an etwas anderes zu denken oder daran, was ich als nächstes tue, küsse ich ihn in der großen Menschenmenge, eingehüllt in der finsteren Nacht. Ich bin überwältigt und vergesse für einen kurzen Moment unsere Sorgen. Sanft schließt er mich in seine Arme und ich glaube, dass er mich damit gleichzeitig noch trösten will. Seine zarten, schmalen Lippen sind alles, an was ich noch denken kann. Wir waren mehr als nur Freunde und jetzt, wo uns der Untergang bevorsteht, sind wir uns dessen bewusst.
Zärtlich streicht er über mein Haar und zieht mich noch enger zu sich. Der Kuss ist lang, fast schon unendlich. Als wir uns lösen, zeigt er mir sofort sein freundliches, liebevolles Gesicht. Das habe ich mir immer erträumt. Ein Junge, der mich so mag, wie ich bin – und sei es nun im Liebesrausch oder nicht, aber ich bilde mir ein, dass mich Tom genauso sieht.
»Ich … ich«, stottere ich, aber ich komme nicht weiter. Tom steht mir schon beiseite und hilft mir, den Satz zu Ende zu bringen.
»Ja, ich weiß. Du musst zu Emma.« Schnell nicke ich und sehe ihn erwartungsvoll an, so als wollte ich noch etwas hören. Aber will ich überhaupt etwas hören? Und wenn, was will ich hören?
»Du sollst nur wissen, was ich fühle«, sagt er schnell und fast unhörbar. Er wirkt leicht nervös auf mich.
»Tom, ich …«
»Nein, du musst mir nichts erklären«, fällt er mir erneut ins Wort.
»Doch! Ich denke, dass es an der Zeit ist und wie wir beide wissen, haben wir nicht mehr viel Zeit.«
Einfühlsam nickt er mir zu und ich fahre fort. »Ich bin froh, wahnsinnig froh, dich kennengelernt zu haben. Ohne dich wäre es hier nicht so schön gewesen und …«
»Zoe. Es tut mir leid, dass ich schon wieder dazwischenrede, aber ich habe das Gefühl, dass ich sonst nicht mehr die Gelegenheit dazu bekomme, dir die Wahrheit zu sagen.«
»Welche Wahrheit?« Ich habe keinen blassen Schimmer und warte auf eine Reaktion, während er sich nervös durch sein blondes, zerzaustes Haar fährt. Seine Augen sind in den dunklen, endlosen Himmel gerichtet und dann atmet er tief aus.
»Du bist die Eine, Zoe.«
Die Eine?
»Du bist diejenige, die mir meinen Tag verschönert und immer ein Lächeln in mein Gesicht gebracht hat, auch wenn dieser Tag noch so furchtbar war. Du bist die Eine für mich und es macht mich fertig zu wissen, dass ich dich nie wiedersehen werde.«
Meine Augen blinzeln und ich spüre, wie mir die Tränen kommen. Noch nie zuvor hat mir jemand ein Liebesgeständnis gemacht. Klar, in der Schule bekommt man hin und wieder solche doofen, kindischen Liebesbriefe, aber was bedeuten die schon? Tom hat das zustande gebracht, was nicht jeder kann. Er hat mich zum Schweigen gebracht. Ich stehe nur mit offenem Mund da und starre ihn an. Keine Ahnung, was ich sagen soll. Oder soll ich überhaupt etwas antworten? Ich weiß es nicht.
Wie ein kleines Kind stehe ich nur da und betrachte ihn. Ich schaue in sein Gesicht, blicke in die dunkelbraunen Augen und sehe darunter seine perfekt geformte Nase, die rosa schmalen Lippen, ein paar Sommersprossen an beiden Wangen und sein blondes, struppiges Haar. Das wird mir immer in Erinnerung bleiben. Sein wunderschönes, markantes Gesicht, das ich so gerne ansehe.
Weil ich nicht weiß, was ich ihm antworten soll, küsse ich ihn erneut. Er wirkt etwas überrascht, aber versucht nicht, mich davon abzuhalten. Bevor er mich sanft zur Seite schiebt, streicht er noch einmal über meine Wange. Dann hält er mit beiden Händen mein Gesicht fest.
»Ich werde immer an dich denken und wer weiß, vielleicht sehen wir uns wieder.«
Ich nicke ihm nur zu. Meine Stimme ist wie gefroren. Mir fehlen die Worte. Ich habe tausend Gedanken im Kopf, bringe aber keinen Satz heraus. Tom zeigt mit seinem Kopf in die Richtung meiner Schwester, die uns womöglich die ganze Zeit über beobachtet hat. Ich nicke verständnisvoll und löse mich von ihm, um zu Emma zurückzukehren. Sanft hebe ich sie hoch, während ich angestrengt hinunterschlucke, um den Kloß in meinem Hals wegzudrücken.
Ich möchte am liebsten weinen.
Emma sieht mich mit einem tröstenden Blick an und streichelt meine Wange. Jetzt versucht mich meine siebenjährige Schwester schon zu trösten, dabei sollte es eigentlich umgekehrt sein. Tante Claire, Onkel Cooper und unsere Großeltern schließen uns in einen Kreis ein und alle, bis auf mich, blicken in den geheimnisvollen, beängstigenden Himmel. Ich fixiere dann Tom und er blickt in meine Richtung. Meine Schwester halte ich im Arm. Meine Verwandten sind um mich, der letzte Mensch, den ich sehe, ist Tom. Der letzte Mensch, den ich spüre, ist meine Schwester. Mehr brauche ich zum Schluss nicht mehr – ja doch! Einer fehlt. Einer meiner wichtigsten Menschen ist nicht bei mir. Will, ich brauche dich. Doch mein liebster und bester Freund kann nicht da sein. Wenn es das Ende sein soll, dann soll es wohl genauso sein.
Mein Herzschlag wird schneller und ich spüre deutlich, wie er zu rasen beginnt. Fest umschlungen vergräbt sich meine Schwester in meinem dunkelblauen Pulli und schließt darin ihre Augen. Emma beginnt zu husten, ihr Atem intensiviert sich. Ihre Ausatmung wird schwerer und länger, als würde sie wieder einmal keine Luft mehr bekommen. Ein womöglich letztes Mal hole ich ihren Asthmaspray aus ihrem Rucksack und gebe ihn an Emma weiter. Sie weiß, wie er funktioniert. Schon ihr ganzes Leben lang muss sie ihn benutzen, um wieder normal atmen zu können. Schnell wird es wieder leichter und ich verstaue ihr Medikament im Rucksack.
Langsam streiche ich durch ihr lockiges, braunes Haar und versuche, wenn auch hoffnungslos, sie zu beruhigen. Ich kann nicht mitansehen, wie meine kleine und zierliche Schwester so schnell von der Welt gehen muss. Ich war diejenige, die unseren Eltern versprochen hat, sie zu beschützen. Doch das kann ich nun nicht. Niemand kann das.
Entschlossen und bestimmt beiße ich die Zähne zusammen und blicke in den Himmel empor. Hoch oben erscheint ein runder, blauer Kreis. Noch ist er kleiner als der Mond, aber man kann deutlich sehen, dass er sich nähert. Normalerweise geraten Menschen in solch einer Situation in Panik, doch es ist totenstill. Ich könnte eine Stecknadel fallen lassen und jeder würde sie hören können.
Alle wissen, dass wir nichts tun können. Wir sind dem Ende nahe und keiner hat die Chance zu überleben. Manche von uns fangen in diesem Moment zu beten an und viele schließen sich innig in die Arme und hoffen auf seligen Frieden. Andere weinen still und leise vor sich hin und lassen einfach ihren Tränen freien Lauf. Der Mond scheint weit weg zu sein, so wie dieser Planet. Unser Mond ist fast vierhunderttausend Kilometer weit entfernt. Eigentlich ist das eine weite Entfernung, aber so wie sich dieser Planet fortbewegt, scheint es nicht mehr lange zu dauern, bis er mit uns kollidiert. Der Planet wird größer und man kann mehr die Struktur und Fläche erkennen. Er sieht unserer Erde wirklich ähnlich. Auch wenn wir dabei sterben, dieses Bild kann mir keiner mehr nehmen. Es ist unglaublich, wie der Planet auf uns zurast und trotzdem eine so anmutige Schönheit in sich hat. Dieses Schauspiel wird keiner aus unseren nächsten Generationen mehr zu Gesicht bekommen. Und auch wenn wir nun sterben, ist es wertvoll, das beobachten zu können.
Emma umfasst mich mehr und vergräbt sich tiefer in meinem Pulli. Ich spüre ihre große Angst und ich kann mir vorstellen, dass sie dabei nicht zusehen will. Zuerst denke ich, dass ich meine Augen nicht davon abwenden kann, aber dann streifen sich die Blicke von Tom und mir erneut und ich bin wie gefesselt. Er lässt meinen Blick nicht los und ich bin glücklich, ihn noch einmal sehen zu können. Er beruhigt mich auf eine ungewöhnliche Weise, wenn er mich so ansieht. Dann kann ich ein wenig abschalten und muss nicht an das denken, was uns jeden Augenblick passieren wird. Hinter mir spüre ich meine Großeltern und meine Tante und meinen Onkel – spüre deren Atem. Alle sind für Emma und mich da. Wir sind gegenseitig füreinander da. Ja, wir müssen sterben und so makaber es sich auch anhören mag, aber es würde keinen schöneren Tod als diesen geben.
Der Planet kommt uns mit jeder Sekunde näher. Ich achte nicht mehr weiter darauf. Ganz fest halte ich meine Schwester, streiche über ihr langes, lockiges Haar. Sie schmiegt sich immer enger an mich und zittert von oben bis unten. Ich habe das Gefühl, dass sie mich gleich erdrücken wird. Ich konzentriere mich auf Tom. Wir blicken uns gegenseitig in die Augen. Um mich herum vergesse ich alles. Es gibt nur meine Schwester, die ich ganz fest im Arm halte und Tom, dessen Gesicht und Ausstrahlung ich nie vergessen werde. Seine überaus freundliche Art wird mir immer in Erinnerung bleiben. Ja, jetzt könnte ich weinen. Aber irgendwie verhindert dies der dicke Kloß in meinem Hals. Im Moment könnte ich nicht einmal meine Augen schließen. Ich werde sie offen halten, bis ich tot bin. Das ist mein letzter Entschluss und ich weiß, dass das hier nun alles schnell gehen wird. Der Planet ist uns so nah. Er scheint wie ein Katzensprung entfernt. Ich höre die Krähen rufen.
Bevor ich dann noch weiter nachdenken kann, überfällt uns ganz plötzlich eine gewaltige Druckwelle. Manche von uns können sich nicht auf den Beinen halten und fallen um. Doch ich bleibe mit meiner Schwester standhaft. Ich schaue nicht nach oben, wie der Himmel aussieht und wie nahe der Planet uns schon ist. Ich kneife meine Augen zusammen. Sie brennen fürchterlich. Aus der Druckwelle bildet sich eine unerträgliche Hitze. Mir bleibt die Luft weg. Tränen quellen aus meinen Augen und gleiten langsam an meinen Wangen hinunter. Emma, die in meine Schulter heult, zittert wie verrückt. Ich muss stark bleiben und darf nicht weinen. Das würde es nur noch schlimmer machen. Ganz fest drücke ich meine Schwester immer näher an mich heran. Ich werde sie nicht loslassen, auch wenn es der letzte Augenblick sein soll, den wir jetzt erleben werden. Meiner Schwester darf ich den Tod nicht noch schlimmer machen, als er schon ist. Tante und Onkel fassen sich an der Hand und unsere Großeltern nehmen sich in eine schützende Umarmung.
Dann auf einmal wird aus der dunklen Nacht Tag. Ein helles, viel zu grelles Licht erhellt die ganze Welt. Ich weiß nicht, was da oben vor sich geht und würde ich es mir nicht selbst verbieten, hätte ich schon aus Neugierde nach oben gesehen. Es ist wahnsinnig heiß. Eine unerträgliche Hitze, die womöglich die Temperaturen des letzten Jahrtausends mehr als übersteigt, nehme ich wahr. Mir kommt vor, als würde meine Haut jeden Moment zerschmelzen und Emma würde mir wegrutschen. Und bevor unsere Körper von der wahnsinnigen Hitze explodieren, ist es wieder Nacht und die Hitze wie weggeblasen. Alle Menschen sehen sich ahnungslos um, keiner wagt etwas zu sagen.
Was geht hier vor sich?
Erst jetzt wage ich es, nach oben zu blicken und da sehe ich diese Veränderung am Himmel. Der Planet, der eigentlich mit uns zusammenstoßen sollte, hat – so scheint es – vorerst angehalten. Ganz deutlich kann man den Planet in seiner wunderbaren Pracht sehen. Er ist riesig. Dieser Planet ist uns so nahe, wie uns sonst kein anderer Planet je nahe sein wird, und doch bewegt er sich nicht mehr. Ich kann eine blaue Farbe erkennen – der Planet ist wirklich mit viel Wasser ausgestattet und ich erblicke ebenso ein sattes Grün. Die Landschaft sieht sehr fruchtbar aus, grüner als an so manchen Teilen der Erde.
Was passiert hier?
Ein nebelartiger Schleier legt sich um meine Aura und ich kann alles nur noch wage wahrnehmen. Das Gefühl von Raum und Zeit scheint verlorengegangen. Meine Ohren nehmen ein ununterbrochenes Piepsen wahr und die Stimmen der Menschen höre ich nicht mehr. Die Menschen um mich bewegen sich in Zeitlupe.
Ich sehe Blaulichter. Ich sehe Hysterie.
Ich sehe Hoffnung. Ich sehe Angst. Ich sehe Freude.